Man sollte meinen, dass Psychiater, die Medizin studiert haben und Ärzte sind, viel über das Thema Ernährung und über den Zusammenhang von Ernährung und Psyche wissen. Ich habe mich immer gewundert, dass ich in den Jahren meiner Behandlung nur ein einziges Mal einen Satz von einem Psychiater zu diesem Thema gehört habe. Nun bestätigt eine Studie aus Österreich mein subjektives Empfinden, dass es an Wissen um die Zusammenhänge zwischen Ernährung und Psyche mangelt.

An der medizinischen Universität Graz, Österreich, haben die Autoren der Studie um Frau Dr. Sabrina Mörkl, als eine der ersten Universitäten in Europa 2018 ein Trainingsprogramm für Medizinstudenten zu Ernährungsmedizin und psychischer Gesundheit gestartet.

Um das Wissen von Psychiatern, Psychologen und Psychotherapeuten (MHPs) zum Thema Ernährungsmedizin bzw. Ernährungspsychiatrie zu ermitteln, entstand diese Umfrage unter 1056 Teilnehmer aus 52 Ländern per Online-Fragebogen. Es beteiligten sich 354 Psychiater, 44 Psychotherapeuten und 147 psychiatrische Fachkräfte in Ausbildung. Diese wurde 2021 veröffentlicht.

Die Umfrage ergab, dass die Mehrheit der Psychiater (74,2 %) und Psychologen (66,3 %) keine Ausbildung im Bereich Ernährung haben. Dennoch verwendeten viele von ihnen Ernährungsansätze, wobei 58,6 % ihren Patienten Nahrungsergänzungsmittel und 43,8 % spezifische Ernährungsstrategien empfahlen.

In der Diskussion zu ihrer Studie schreiben die Autoren:

„Da eine psychopharmakologische Medikation schwerwiegende Folgen für den Stoffwechsel haben kann, könnten ernährungsmedizinische Ansätze eine ideale Zusatzbehandlung darstellen. Allerdings gaben nur 6,2 % der Psychiater in unserer Umfrage an, bei der Verschreibung einer psychopharmakologischen Therapie immer den Ernährungszustand der Patienten zu berücksichtigen, und die Hälfte der Teilnehmer wusste nichts von einem regelmäßigen Screening auf Stoffwechselstörungen bei psychiatrischen Patienten in ihrem Land. Dies spiegelt sich auch in Studien zu diesem Thema wider: Obwohl das metabolische Syndrom bei Patienten, die psychopharmakologische Medikamente einnehmen, häufig vorkommt, gibt es bei kaum einem Patienten ein regelmäßiges metabolisches Screening

Die Effekte von Ernährungsinterventionen sind vergleichbar mit einer Verhaltenstherapie und einer „sozialen Selbsthilfegruppe“ bei Patienten mit Depressionen überlegen. Angesichts der Unzulänglichkeiten traditioneller Präventions-, Behandlungs- und Managementstrategien in der Psychiatrie, wenn sie allein angewendet werden, sollte ergänzenden Strategien wie der Ernährungspsychiatrie größere Bedeutung beigemessen werden. Darüber hinaus haben Menschen mit psychischen Problemen häufig einen ungesunden Lebensstil, einschließlich schlechter Ernährungsgewohnheiten, gestörtem Essverhalten und Ernährungsmängeln. Dies ist zum Teil der Grund für die hohen Raten an chronischen Krankheiten und die reduzierte Lebenserwartung. Daher sollte eine Änderung des Lebensstils (einschließlich der Ernährung) als Best-Practice-Maßnahme (bewährtes Verfahren – Übersetzung A.O.) zur Behandlung körperlicher Komorbiditäten bei Menschen mit psychiatrischen Störungen einbezogen werden.“

Hier einige Details aus der Studie:

Von den Befragten gab eine folgende Anzahl an:

  • ernährungsmedizinische Ansätze für die Behandlung von Patienten zu verwenden, vor allem bei Essstörungen und affektiven Störungen.
    • 238 (67,2 %) Psychiater,
    • 335 (65,6 %) Psychologen und
    • 29 (65,9 %)
  • den individuellen Ernährungszustand der Patienten bei der Verschreibung einer psychopharmakologischen Therapie zu berücksichtigen
    • gelegentlich: 88 (24,9 %)
    • dies meistens zu tun: 67 (18,9%),
    • dies immer zu tun: 22 (6,2 %)
  • den Ernährungszustand der Patienten bei der Verschreibung von psychopharmakologischen Medikamenten zu berücksichtigen
    • nie: 83 (23,4%)
    • so gut wie nie: 62 Teilnehmer (17,5%)
  • die am häufigsten empfohlene Lebensstilintervention war:
  • körperliche Aktivität (n = 935),
  • Ernährungsberatung (n = 558) und
  • Kochkursen (n = 112),
  • während 102 Teilnehmer angaben, kaum jemals eine Lebensstilintervention zu empfehlen.
  • auf Nahrungsmittelallergien, Glutensensitivität oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten zu testen
    • nie: 498, (47,2 %)
    • fast nie: 306 (29,0 %)
  • den Patienten bestimmte Diäten bzw. Ernährungsumstellungen zu empfehlen n = 462 (43,8 %); die am häufigsten empfohlenen Diäten waren
    • die mediterrane Diät (n = 210)
    • die Diät gemäß den nationalen Richtlinien (n = 202)
    • kohlenhydratarmen Diät (n = 135)
    • anderen (n = 104).
  • ihren Patienten Nahrungsergänzungsmittel zu empfehlen
    • Insgesamt gaben n = 619 (58,6%) Teilnehmer das an
      • 64,5% der Psychologen (n = 323),
      • 57,2% der Psychiater (n = 198)
      • 54,5% der Psychotherapeuten (n = 24)
      • 51,0% der Psychologen und Psychiater in Ausbildung (n = 74)
    • Die am häufigsten empfohlenen Ergänzungen waren
      • Vitamin D (n = 446),
      • Vitamin B12 (n = 414),
      • Omega-3 (n = 364),
      • Folsäure (n = 319) und
      • Vitamin B6 (n = 314).

Patienten mit psychiatrischen Störungen nehmen häufig Nahrungsergänzungsmittel ein, da etwa 40 % der Patienten nicht zufriedenstellend auf antidepressive Medikamente ansprechen und etwa 50 % der psychiatrischen Patienten ihre psychopharmakologische Behandlung aufgrund von Nebenwirkungen vorzeitig abbrechen.

Die Studienautoren gehen davon aus, dass Ärzte und Therapeuten Nahrungsergänzungsmittel in dem Bemühen empfehlen, ein möglicherweise unbefriedigendes Ansprechen ihrer Patienten auf die Behandlung zu verbessern, oder aufgrund der häufigen Forderung von Patienten, eine geeignete, „natürliche“, „komplementäre“ oder „alternative“ Behandlung mit einer geschätzten geringeren Inzidenz von Nebenwirkungen zu finden. Daher besteht ein dringender Bedarf, das derzeitige Behandlungsparadigma durch sichere und nachhaltige Interventionen zu ergänzen. Ohne Frage sind Mikronährstoffe lebenswichtig für die Neurotransmittersynthese und die korrekte Funktion des Nerven- und Immunsystems. Für mehrere Mikronährstoffe wie Selen, Zink, Eisen, Magnesium, Vitamin B12 und Folsäure wurde ein inverser Zusammenhang mit einem erhöhten Depressionsrisiko festgestellt, und einige Nutrazeutika wie 5-Hydroxytryptophan, Omega-3-Fettsäuren oder Folsäure werden in der Psychiatrie als ergänzende Behandlungsmethoden eingesetzt

Allerdings ist für die meisten Supplemente die Wirksamkeit für psychiatrische Indikationen nicht ausreichend erforscht und für viele fehlen evidenzbasierte Empfehlungen.

Zusammenfassung der Autoren:

„In einem ersten Schritt zielte diese internationale Umfrage darauf ab, ein Bewusstsein für den alarmierenden Mangel an Wissen über Ernährungsmedizin in MHPs zu schaffen, trotz der sich schnell entwickelnden Evidenzbasis für den Einsatz von ergänzenden Ernährungstherapien in der Routineversorgung psychiatrischer Patienten. Die Verbesserung der aktuellen Ausbildungscurricula und die Einbindung geeigneter Module zur Ernährungspsychiatrie erscheint angesichts der steigenden Kosten für die psychiatrische Versorgung von entscheidender Bedeutung.

In der Folge sollten Patienten eine angemessene, evidenzbasierte Basisberatung zu Beginn der Behandlung erwarten, mit der Option, bei Bedarf an Ernährungsspezialisten (Ärzte mit ernährungsmedizinischer Ausbildung, Ernährungsberater, Diätologen, Diätassistenten) zu überweisen. Am wichtigsten ist, dass die medizinische Maxime „first, do no harm“ (zu deutsch: erstens, keinen Schaden anrichten) befolgt werden sollte, indem die Empfehlung von Nahrungsergänzungsmitteln oder Diäten ohne ausreichende wissenschaftliche Evidenz und eine vorangehende körperliche Untersuchung und Labortests (einschließlich Screening auf Mangelzustände) vermieden wird. Die nächste Generation von MHPs sollte nicht nur in der Lage sein, Patienten mit modernster Psychotherapie und Psychopharmakologie zu behandeln, sondern ihre Patienten auch für die Pflege von Körper und Gehirn, für Ernährung und die multifaktorielle Ursache und Prävention psychiatrischer Störungen interessieren.“

Die komplette Studie finden Sie hier: https://doi.org/10.3390/nu13030822